Wenn nach dem Sturm kein Regenbogen kommt

 

Nach einem Sturm kommt auch irgendwann wieder ein Regenbogen, oder nach der Dunkelheit auch irgendwann wieder das Licht. Auch durch den dichtesten Wald dringt irgendwann wieder die Sonne, auch wenn es nur ganz sanfte Strahlen sind. Aber sind diese Sätze denn allgemein gültig? Kann man sie auf jedes Leben anwenden? Oder gelten sie nur für die, denen das Glück hold ist? Abgesehen davon, dass man sein verstorbenes Kind wohl nicht mit einem Sturm oder der Dunkelheit vergleichen möchte, ist so ein Regenbogen wohl das bunteste, schönste, hoffnungsvollste, das einem nach einem so unfassbar schweren Schicksalsschlag widerfahren kann. Und für die meisten Paare erscheint, manchmal früher, manchmal ein bisschen später, der besagte Regenbogen auch am Horizont. Er ist nicht dazu da, um die Tränen des Verlustes versiegen zu lassen, kein Ersatz, für den Platz, der für immer leer bleibt. Aber er füllt die Arme der zuvor verwaisten Eltern, er bringt das Kinderlachen in die totenstill gewesenen Räume, in die Wände, die einen so lange zu ersticken drohten. Er gibt den Eltern die Aufgabe, die ihnen eigentlich schon für ihr Geschwisterchen angedacht gewesen wäre. Der Regenbogen lässt sie endlich auch sichtbare Eltern sein. Die sie für Außenstehende nach dem Tod ihres Kindes einfach nicht mehr waren. Die sie vielleicht für die Anderen nie waren, wenn das Kind nie das Licht der Welt erblicken durfte. Und plötzlich ist da dieser Regenbogen, als öffnet er den blind Gewesenen die Augen, als bringt er ein bisschen Wärme in das erkaltete Herz zurück.

 

So viele hatten bereits das Glück, nach der Dunkelheit, dem Verlust und der Trauer, das Licht wieder in ihrem Leben zu begrüßen, oder warten auf dessen Ankunft. Wie viele Verkündungen ich bis jetzt gelesen habe. Von Mamas die vor, ungefähr zeitgleich mit mir oder nach mir ihr Kind verloren hatten, und nun ihr Regenbogenbaby erwarten würden oder bereits empfangen hatten. Für mich ist es auch verständlich, das für mich einzig logische, genau die richtige Medizin, die man für diese unendlich tiefen Wunden braucht, damit sie zumindest ein ganz kleines bisschen wieder zusammenheilen. Dass man es wieder versucht, trotz Angst und Voreingenommenheit, immer in der Hoffnung, dass es das Geschwisterchen diesmal, lebendig und wohlauf in die eigenen Arme schafft.

 

16 Monate ist es her, dass unser Baby im Alter von 3 Monaten gestorben ist. Unsere vielen Stürme, gekommen mit unserem kleinen Wirbelwind. Der alles aufgewühlt und durcheinandergeworfen und neu geordnet hat. Ein Tornado, den der Tod in unser Leben gebracht hat. Der unsere Beziehung, unseren Glauben, unsere Einstellung, unser komplettes Leben auf den Kopf gestellt hat, wie ein Hurrikan, der ganze Landschaften verwüstet. Seit dem Tag, an dem wir mit leeren Armen nach Hause gegangen sind, sehnte ich mich nach meinem Baby. Ich wollte es zurück. Ich brauchte es doch, sonst würde ich ersticken. Ein Jahr lang fühlte ich mich wie ein Geist, als wäre ich eigentlich mit meinem Kind mitgegangen, doch auch irgendwie noch hier. Ich war nicht mehr ich, eher zerissen, wie ein altes Kleidungsstück, das die Abnutzungen der letzten Zeit nicht überstanden hatte. Ich wollte mein Kind. Ich hatte ein Kind zur Welt gebracht und jetzt wollte ich auch eines haben. Um jeden Preis. Ich dachte ich wäre bereit, jeden Preis zu zahlen. Ich hatte etwas erfahren, das mir das meiste, was ich zuvor erlebt hatte, plötzlich als nichtig erscheinen ließ. Ich bräuchte so dringend etwas, das meinen Schmerz ein bisschen aufwiegt. Die Hoffnung auf diesen verdammten Regenbogen begleitet mich seit diesem Tag im Juli 2017, als wir ohne unser Kind nach Hause fahren mussten.

 

Aber manchmal kommt nach dem Sturm kein Regenbogen.

 

Manchmal kommt nach dem Sturm wieder der Sturm, oder er endet auch einfach nie. Vielleicht wird er irgendwann schwächer, aber einen Regenbogen bekommt man trotzdem nicht zu Gesicht. Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich jeden Preis zahlen würde. Würde ich denn sprichwörtlich über Leichen gehen? Nur um dieses Gefühl noch ein einziges Mal zu erleben, diesmal vielleicht mit Happyend. Würde ich so weit gehen, dass ich mich selbst vergesse? Würde ich so weit gehen, dass ich mir selbst körperlich schade? Würde ich mich für ein gesundes Geschwisterchen gegen ein krankes entscheiden können? Würde ich einfach alles tun, weil ich weiß, dass ich sonst für immer unglücklich bleiben würde?

 

Vielleicht gäbe es dieses Regenbogenbaby, wenn ich danach gelebt hätte, was ich so oft gedacht hatte. Zeit wäre bis jetzt doch genug gewesen. Schon fast so viel Zeit für zwei Babys. Ich dachte, dass ich einfach alles dafür tun würde, einfach alles dafür tun müsste. Und trotzdem tat ich es nicht. Trotzdem taten wir es nicht. Wäre es mutig gewesen oder fahrlässig? Vielleicht wäre es gut ausgegangen, vielleicht aber auch nicht. Dass es dieses Regenbogenbaby nicht gibt, ist das, was es mir neben der Sehnsucht nach Basti immer noch so unendlich schwer macht. Dennoch bin ich mir bis jetzt treu geblieben, habe keine Entscheidungen getroffen, hinter denen ich nicht stehen kann. Ich zahle einen hohen Preis, für einen noch viel höheren Preis. Obwohl ich im August 2016 einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt und neun Monate später unser kleines Baby, sind wir heute kinderlos. Immer noch. Wir wissen nicht was die Zeit bringt, aber Basti hat kein Geschwisterchen bekommen, wie so viele andere Sternenkinder. Manchmal gibt es nach dem Sturm keinen Regenbogen.

 

Ich dachte, das müsste ich euch sagen.

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    woelckchen24 (Donnerstag, 29 November 2018 21:16)

    Sehr bewegende Worte.

  • #2

    Lottelli (Sonntag, 02 Dezember 2018 08:48)

    Ich schicke dir ein ein paar Sonnenstrahlen - sie werden dich erreichen - irgendwann, ganz bestimmt!

  • #3

    Hannah (Montag, 03 Dezember 2018 11:15)

    Liebe Jasmin,
    Ich bin auf deinen Blog gestoßen, da bei unserer Tochter höchstwahrscheinlich auch SLO vorliegt. Sie ist unser Regenbogenkind nach einer frühen und eine späten Fehlgeburt in der 21. Woche letztes Jahr. Nun liegt sie seit bald 3 Wochen seit ihrer Geburt auf der Intensivstation.
    Das Leben ist nicht fair.
    Ich hoffe, ihr bekommt euer Regenbogenkind und es ist gesund.
    Liebe Grüße