Wo bleibst du Regenbogenbaby? Gedanken über einen unerfüllten Kinderwunsch.

Es ist November. Und damit jährt sich der Tag, an dem mir das erste Mal (aufgrund unserer Vorgeschichte mit Bastian) ein genetisch untersuchter Embryo im Zuge einer Kinderwunschbehandlung in meine Gebärmutter gesetzt wurde. Schwanger wurde ich dadurch nicht. Nicht beim ersten Versuch und auch nicht bei den beiden folgenden. Allen Bemühungen und Anstrengungen unserer Ärzte, und vor allem mir und meinem Partner zum Trotz. Mit jedem Negativ das wir erhielten, schwand unsere Hoffnung auf das lang ersehnte gesunde Baby in unseren Armen. Vor allem aber tat es dort besonders weh, wo wir schon durch Bastis Tod abgrundtiefe Narben hatten. Es machte unseren bisherigen Verlust nicht leichter, im Gegenteil.

 

Unser Bedürfnis Eltern zu sein war riesig, nachdem wir dieser Aufgabe im Juli 2017 von einem auf den anderen Moment völlig enthoben wurden. Im November 2018 klammerten wir uns daher an die hoffnungsvolle Behandlung. Endlich gab es wieder etwas das mich ablenkte. Endlich sahen wir wieder Licht am Ende des Tunnels. Unser Regenbogenbaby war zum Greifen nahe.

 

Dennoch führte die Behandlung nicht zum Erfolg. Genauso wenig wie alles andere, was wir in den darauffolgenden Monaten unternahmen. Es ist ein Jahr her, dass wir versuchen wieder ein Baby zu bekommen, aber heute bin ich immer noch nicht schwanger.

 

Heute denke ich an meine alte Schulfreundin, die mit ihren Kindern Kekse bäckt. Ich denke an die befreundeten Paare, die zu Hause Kinderzimmer einrichten. Ich denke an unsere Nachbarn in meinem Heimatort am Land und die Störche aus Pappe vor ihren Häusern. Ich denke an all das, was ich nicht habe.

 

Meine Blutung zeichnet monatlich immer neue abstruse Bilder. Wie Abbilder schreiender Gesichter, die mich daran erinnern, dass es wieder einmal nicht geklappt hat. Dass wieder alles umsonst war, egal was wir dieses Mal versucht hatten. Wieder denke ich an unseren ersten Embryo und daran, dass ich ihn mit der unerwarteten Blutung kurz nach dem Transfer wohl einfach im Klo runtergespült habe - Das Baby, das im September geboren werden sollte, und mit dem ich bald selbst Kekse backen sollte. Das Kind, um welches bereits im Zellstadium ein riesen Aufwand betrieben wurde. Jetzt verschwand es einfach in der Kanalisation.

 

Ich denke an die Mütter mit ihren Babys auf einem Tragetuch. An die Väter, die ihren Söhnen Fußballspielen beibringen. Ich denke an die Glückwunschkarten mit Sätzen wie "Wenn aus Liebe Leben wird". Ich denke an unsere Karte, die nur den Tod verkündete. Ich denke an die Karten, die ich vielleicht selbst nie schreiben werde.

 

Ich denke an meine Bekannte, die einmal nicht aufgepasst hat. Ihr Kind ist jetzt so alt, wie meines wäre, das in der Kanalisation. Ich denke an all die Medikamente, die völlig umsonst in meinem Körper gelandet sind. Ich denke an die tausenden Tabletten Folsäure, die ich bis jetzt geschluckt habe. Ich denke an den Tag im September, als ich vor positiver Aufregung fast geweint habe, und an den Jahreswechsel, als ich mir sicher war, dass ich dieses Jahr endlich wieder schwanger werden würde.

 

Ich winde mich unter den Schmerzen meiner Menstruation. Es tut körperlich weh, aber das ist nichts gegen den psychischen Schmerz, den Phantomschmerz von Etwas, das nicht da ist. Die Leere auf meiner Brust, im Hinterkopf das warme Gefühl von damals, von meinem Baby auf meiner Haut. Was würde ich dafür geben, dieses Gefühl noch einmal erleben zu dürfen.

 

Ich denke an die Mütter, die ihre Babys mit Küssen übersäen.

 

November. Zwölf Monate und zwölf Chancen. Zwölf Eisprünge und zwölf Möglichkeiten. Zwölf Blutungen und zwölf Enttäuschungen.

 

Ich denke an die Angst, die immer größer und realer wird. An das Gefühl des Versagens. An den Traum, der vielleicht für immer einer bleibt. An einen Platz, ganz lebendig in unserer Mitte, der vielleicht für immer leer bleibt.

 

Ich versuche wieder einmal nicht hinzuschauen, wenn ich sie sehe, die glücklichen Eltern und die kleinen Bündel in ihrem Arm. Aber natürlich sehe ich sie und das Glück, das in ihren Augen liegt. Wenn ich ihre wachsenden Bäuche sehe denke ich mir, was für ein unfassbares Wunder, was für ein unglaubliches Glück. Ich denke an meinen eigenen Schwangerschaftsbauch von damals, und an die tausend Schmetterlinge, die ich hatte. Ein Glücksgefühl, das mit nichts auf der Welt auch nur ansatzweise vergleichbar ist.

 

Ich denke an die Sätze, als man mir sagte ich sei kinderlos.

 

Ich denke an mein Kind, dort unten im Grab.

 

Ich denke an eine Schwangerschaft ganz ohne Trauer vor einem bevorstehenden Abschied. Ich denke an das Kind, das tatsächlich zwischen uns im Bett liegen würde. Ich denke an die Sätze, die ich über unser Regenbogenbaby schreiben würde. An die Großeltern, die ihre Aufgabe hervorragend erfüllen würden.

 

Ich denke an all das, von dem ich nicht weiß, ob es je eintreffen wird.

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Kommentare: 2
  • #1

    Jennys joplin (Montag, 04 November 2019)

    Du hörst das bestimmt so oft, aber ich wünsche euch so sehr, dass euer Regenbogenbaby noch den Weg zu euch findet! Ich habe 4 Jahre unerfüllten Kinderwunsch durchmachen müssen, bevor ich all das Glück und Wunder doch noch erleben durfte. Jetzt geht es um ein Geschwisterchen und es zeichnet sich ab, dass es auch dieses mal nicht leicht wird. Ich hätte es nie erwartet aber es ist wieder schwer! Wenn ich aber an deine Geschichte denke, weiss ich, dass ich mich glücklich schätzen kann, dass meine Tochter bei mir ist, selbst wenn sie mein einziges Kind bleiben sollte! Ich werde mich so freuen, wenn ich eines Tages die Nachricht lesen darf, dass Basti großer Bruder wird! Bis dahin achtet gut auf euch! Alles Liebe Jenny

  • #2

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Montag, 04 November 2019 20:24)

    Liebe Jenny!

    Ich danke dir von Herzen für dein Kommentar und die Zeit die du dir dafür genommen hast! Deine Worte geben mir Hoffnung, dass es auch bei uns vielleicht irgendwann noch klappen wird! Ich wünsche dir auch, dass ihr nicht mehr allzu lange auf ein Geschwisterchen warten müsst! Ich weiß wie nervenzehrend das ständige Hoffen und Bangen ist! Nochmals vielen lieben Dank für deine Nachricht! Ich schicke dir ganz liebe Grüße!! Jasmin