Wenn das Leben die Geschichten schreibt

Am 24. August 2016 erwachte ich mit dem Gedanken einen Schwangerschaftstest zu machen. Ich war bereits eine Woche überfällig, was bei mir und meinem unregelmäßigen Zyklus jedoch nichts heißen musste. Auch wenn ich mich innerlich eigentlich vor einer Enttäuschung bewahren wollte, erfasste mich an diesem Mittwochmorgen, an den ich mich noch erinnere, als wäre es gestern, ein spezielles Gefühl. Man könnte sein Glück ja einmal versuchen. Es war

9 Uhr, um 11 müsste ich in der Arbeit sein, genügend Zeit also für den Test. Es war nicht der typische Test aus der Drogerie, in den man leicht einen zweiten Strich hineininterpretieren konnte oder auch nicht, sondern ein Clearblue aus der Apotheke, der einem Schwarz auf Weiß sagen würde, ob man schwanger sei, oder eben nicht. Schwanger oder Nicht Schwanger, im Fall eines positiven Ergebnisses auch noch mit genauer Wochenbestimmung. Als ich mich ins Bad begab, um den Test auszuwerten, war ich nicht sonderlich aufgeregt, ich war vielmehr von einer inneren Ruhe erfüllt. Woher ich diese Ruhe zu diesem Zeitpunkt nahm, ist für mich heute nur mehr schwierig zu verstehen. Es würde schon alles seine Richtigkeit haben, dachte ich. Wenn nicht diesen Monat, dann bestimmt später. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht ansatzweise, dass aus dem Flügelschlag eines Schmetterlings schon bald ein Tornado werden würde...

 

Ich weiß nicht, mit welchem Ergebnis ich rechnete. Mir war in diesem Monat nichts Spezielles aufgefallen, was auf eine mögliche Schwangerschaft hindeuten sollte. Im Nachhinein erinnerte ich mich jedoch an ein nur ein paar Sekunden andauerndes, flaues Gefühl im Magen, eine leichte mir zuvor nicht gekannte Übelkeit, als ich in der Arbeit etwas vom Boden aufgehoben hatte. Eine Sekunde blitzte dabei ein Gedanke in mir auf, dieser war jedoch so schnell wieder vergessen, wie er gekommen war.

 

Ich wartete die vorgegebenen 30 Sekunden. Ein schneller und mutiger Blick auf den Test. Schwanger erschien in schwarzen Lettern. Ich kann nicht genau sagen, was ich mir dachte, oder wie mein Gefühl war, als das Wort auf dem Teststreifen erschien. Ich flippte nicht aus, oder sonstiges. Es war viel eher eine Art Aha, gut zu wissen. Für Euphorie war es meiner Meinung nach zu früh. Ich wusste, dass statisisch jede 5. Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet, die Dunkelziffer jedoch noch höher sei. Es war eine Mischung aus dem Wissen über diese Zahlen, in Kombination mit dem Bewusstsein, dass diese 9 Monate, in denen ich Mutter sein würde, noch in ewiger Ferne liegen. Ich konnte mir nichts Konkretes, keine Zukunftsvisionen, nicht alle Facetten und Bedeutungen dieses Wortes aus 9 Buchstaben vorstellen, das vor ein paar Minuten auf einem Stück Plastik erschienen war.

 

Vor der 12. Woche wollte ich mir nicht zu viele Hoffnungen machen. Ich machte keine Luftsprünge oder überlegte mir ausgeklügelte Ideen, um es meinem Freund oder meinen Eltern zu sagen. Ich war vorsichtig. Vielleicht war es eine leise Vorahnung, eine Art innerer Instinkt. Ich schrieb meinem Freund eine Nachricht, dass ich einen Schwangerschaftstest gemacht hatte und legte mich noch einmal kurz ins Bett. Ich weiß noch, dass unsere rote Katze neben mir lag. Sieht aus als bekämen wir Familienzuwachs, kleines Katerchen, dachte ich. Am Mittwoch ging ich in die Arbeit, als wäre nichts gewesen. Doch ich hatte ein Geheimnis. Wenn alles seine Richtigkeit hatte, würde bald ein kleines Herzchen unter meinem eigenen schlagen. Und unser Leben würde sich schon bald für immer verändern.

 

Foto: Eva Miehe (Atelier Nordbrise)
Foto: Eva Miehe (Atelier Nordbrise)

Im September 2016 hatte ich einen ersten Kontrolltermin bei meinem Gynäkologen. Es sei eine zu diesem Zeitpunkt aufrechte Schwangerschaft, ich befände mich nun in der 7. Schwangerschaftswoche. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wäre ich spätestens Anfang Mai Mama. In der Arbeit gab ich meine Schwangerschaft sofort bekannt. "Was da alles schief gehen kann, da wird mir schlecht wenn ich daran denke", sagte meine kinderlose Kollegin. "Mutter krank, Kind krank, alles ist möglich". Auch ich wusste, dass vor allem in der Anfangszeit viel passieren kann. Ich begann übervorsichtig zu sein, um meinem Kind nicht zu schaden. Zufälligerweise hatte ich bereits monatelang vor der Schwangerschaft ein Vitamin B-Präparat mit Folsäure eingenommen. Jetzt erfuhr ich, dass die Zugabe von Folsäure in der Schwangerschaft und im Optimalfall schon davor das Risiko für Neuralrohrdefekte wie Spina Bifida minimieren würde. Ich hatte also bis jetzt alles richtig gemacht. Ich arbeitete weiterhin 40 Stunden in der Woche, es ging mir körperlich gut, ich hatte jedoch das Gefühl, nicht viel Zeit für mich und mein kleines Geheimnis im Bauch zu haben. Die wenige Zeit zu Hause genoss ich bewusst im Kontakt zum Baby in meinem Bauch. Auch wenn die Welt um mich herum schon zu diesem Zeitpunkt aus den Fugen geriet, so richtig konnte mich doch nichts aus der Ruhe bringen. Jeder Gedanke an mein kleines Baby und jede Berührung meines Bäuchleins bescherte mir stets ein Lächeln auf den Lippen.

 

Es gab ein paar Tage in den ersten Wochen meiner Schwangerschaft, an denen mir schlecht war, alles in allem fühlte ich mich jedoch erstaunlich gut. "Ich bin so froh, dass deine Schwangerschaft so reibungslos verläuft und es dir so gut geht", sagte man in der Arbeit zu mir. Auch ich war der Meinung, dass meine Schwangerschaft bis jetzt auffallend unspektakulär verlief und es mir körperlich super ging. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine scheinbar perfekte Schwangerschaft.

 

In den Wochen bis zur 12. Schwangerschaftswoche hatte ich ständig Angst, etwas falsch zu machen. Ich traute mich ohne Badethermometer, bei dem ich genau aufpasste die 37°C nicht zu überschreiten, nicht mehr in die Badewanne auch wenn ich danach fror wie ein Eiszapfen. Ich versuchte mich über nichts aufzuregen, da ich gelesen hatte Stress könne eine Fehlgeburt auslösen. Einem Freund schickte ich eine vierseitige Liste über diverse Kräuter, die ich im Internet gefunden hatte und die Schwangere meiden sollten. Welchen Tee könne ich denn da noch trinken?, fragte ich ihn. Ich durchsuchte mein Teesortiment nach einzelnen Inhaltsstoffen, traute mich kaum noch etwas trinken. Es war meine erste Schwangerschaft und ich war extrem verunsichert. Ich wollte mein Kind um alles auf der Welt behalten und alles so perfekt wie möglich machen. Ich begann täglich Nüsse zu essen, verräumte die letzten Kosmetikprodukte die nicht unter die Bezeichnung Naturkosmetik fielen und hörte auf mir die Haare zu färben oder die Nägel zu lackieren. Nichts, was ich tun würde, sollte unserem Baby schaden. Neben allem was ich versuchte akribisch durchzuführen, erfüllte mich innerlich doch immer eine spezielle Gelassenheit und ein spezielles Vertrauen zu meinem Baby. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte.

 

Im Internet las ich die Befürchtungen von meiner Meinung nach hysterischen Müttern, die z.B. Angst hatten, das Herz ihres Babys könnte aufhören zu schlagen und zur Kontrolle einen Fetal-Doppler für zu Hause besaßen. Ein bisschen Vertrauen in eure Kinder und in den Verlauf der Natur müsst ihr schon haben, dachte ich. Dass es genau dieser Verlauf der Natur war, der gerade mir ein Schnippchen schlug, ahnte ich da noch nicht einmal ansatzweise.

 

Es war nicht ich, die meine Geschichte schrieb. Ich hätte mir eine andere gewünscht, hätte die Seiten dieses Buches gerne anders gefüllt. Das Leben hat mir eine Geschichte geschrieben, von der ich so oft nicht glauben kann, dass sie meine eigene sein soll. Als Kind sagen einem seine Eltern doch, dass alles was passiert einen Grund hat und dass alles gut werden wird. Seit Oktober betrachte ich meine Welt durch einen grauen Schatten, als befände ich mich in einer Parallelwelt oder einer anderen Zeitzone. Seit Oktober bin ICH eine andere. Alles im Leben hat einen Sinn, sagen die Erwachsenen dem Kind. Doch worin liegt der Sinn in meiner Geschichte?

 

Dann keimt in mir ein winziger Gedanke auf: Wäre ich Gott und hätte ich die Macht einem kranken Kind, mit besonderen Bedürfnissen, welches besonders viel Zuwendung, Zeit und Liebe braucht, eine Familie auszusuchen, ich gäbe ihm Eltern wie uns, und Familien wie die unseren...

 


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Kommentare: 6
  • #1

    Pia-Maria (Mittwoch, 05 April 2017 22:33)

    Liebe Jasmin,

    dein letzter Satz sagt alles...

    Viele suchen nach dem Sinn des Lebens, rennen diesem suchend immer hinterher und erkennen oft viel zu spät, dass es die Liebe ist, die man sich selbst und Anderen angedeihen lassen sollte. Du bist aufgrund deiner Schwangerschaft - wie du sagst - eine Andere geworden, du hast den „Sinnaufruf" erkannt und ich bewundere dich und deinen lieben Partner, wie Ihr die schwierigen Momente eures Lebens bis jetzt gemeistert habt. Tief emotional bewegt habe ich deine Mitteilungen oft gelesen und dir/euch via Äther immer wieder viel positive Energie und Kraft gesandt. Die Schwangerschaft neigt sich nun bald dem Ende zu und ich freue mich schon jetzt mit euch auf euer Baby. Die Zeit wird es mit sich bringen, welchen Herausforderungen Ihr beide euch noch stellen werdet müssen. Ihr wisst jedoch, wer eure Säulen im Leben sind, auf die Ihr euch verlassen könnt. Die stärkste Kraft - die Liebe - lebt in euch und gibt euch Kraft und Zuversicht, alle „ups and downs“ gemeinsam zu genießen bzw. zu tragen.

    Ich wünsche dir, deinem Partner und dem Baby das Allerbeste.
    Ihr könnt auf euch, eure Liebe und Verbundenheit stolz sein!

  • #2

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Montag, 10 April 2017 15:07)

    Liebe Pia-Maria!

    Ich danke dir für deine lieben und aufmunternden Worte, für die positive Energie mit der du uns unterstützt und deine Anteilnahme! Ich freue mich, dass du meinen Blog verfolgst! Danke, dass du in dieser schwierigen Zeit gedanklich bei uns bist!

    Alles Liebe und bis bald,
    Jasmin

  • #3

    Maria (Donnerstag, 04 Mai 2017 08:53)

    Liebe Jasmin,

    Bisher war ich ein stiller Leser, der jeden Beitrag aufmerksam verfolgt hat. Nun ist euer Baby da und ich habe mir diesen Beitrag erneut durchgelesen. Natürlich kann niemand nachvollziehen, wie es dir und deinem Partner dabei geht, ich wünsche euch viel Kraft und dass ihr die Liebe, Fürsorge und den Zusammenhalt in der Familie immer in euch behaltet!

    Liebe Grüße, Maria

  • #4

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Donnerstag, 11 Mai 2017 23:23)

    Liebe Maria!

    Vielen herzlichen Dank für dein Kommentar und deine lieben Wünsche!!! Es freut mich auch von einer sonst stillen Leserin einmal zu lesen! :)

    Ganz liebe Grüße,
    Jasmin

  • #5

    Sina Schwab (Donnerstag, 26 Oktober 2017 14:03)

    Dieser Blog hat mich wirklich sehr berührt Ich habe bei mir selbst bemerkt, wie weit man solche Themen von sich wegschieben möchte, wenn ein Kind auf dem Weg ist. Während eines Besuchs beim Gynäkologen lernte ich jedoch eine Schwangere kennen, die auch ein Kind mit einem Herzfehler erwartete. Deren und auch euer Mut ist wirklich sehr inspirierend auch den schweren Weg mit Mut und Vertrauen zu gehen.

  • #6

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Freitag, 03 November 2017 23:09)

    Liebe Sina! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Das stimmt, man will als Schwangere von Dingen wie Chromosomenfehlern oder möglichen Komplikationen nichts wissen, man denkt ja eigentlich auch immer es wird einen Selbst schon nicht betreffen. Nur habe ich gemerkt, dass aber das Gegenteil der Fall ist, dass es eigentlich jeden treffen kann. Und dann muss man plötzlich übermenschliches leisten!

    Liebe Grüße an dich!
    Jasmin