"Die schwierigsten Zeiten stehen Ihnen erst bevor"

Spontan vereinbaren wir eine Woche später einen Termin mit dem Chirurgen, der unser Baby nach der Geburt operieren wird. Wir sind dankbar für die Möglichkeit mit ihm vor der Geburt zu sprechen, nicht nur damit wir ihn persönlich kennenlernen, sondern er auch uns. Wir ahnen, dass es nicht angenehm sein wird, was er sagen wird, denn wir wissen, dass er sich absichern muss. Seine Worte dann tatsächlich zu hören ist für uns trotzdem nicht leicht.

"Der Herzfehler Ihres Kindes ist ein extrem schwerer", sagt er. Die einzelnen Herzfehler sehe er häufig, jedoch nicht so viele in Kombination, wie es bei unserem Baby scheinbar der Fall ist...

 

"Nach der Geburt ist alles möglich: von nicht lebensfähig bis zu das Baby braucht überhaupt keine Versorgung ist alles drin."Nicht lebensfähig, wir müssen kurz schlucken. Ein paar Grundstrukturen des Herzfehlers sind sicher, genaueres wird sich jedoch erst nach der Geburt zeigen. Es kann nach der Entbindung ein paar Tage dauern, bis erste Untersuchungsergebnisse vorliegen, damit müssen wir im Vorhinein rechnen. Wir müssen also nicht nur Kraft sondern auch Geduld mitbringen. "Rasten Sie sich so gut es geht jetzt noch aus, die schwierigsten Zeiten stehen Ihnen erst bevor", sagt der Arzt zu mir.

 

Die Zeiten sollen noch schwieriger werden? Nach Monaten voller Sorgen und Unsicherheiten, ob wir unser Baby überhaupt kennen lernen werden? Nach der Vermutung, es leide an einer tödlichen Chromosomenstörung? Nach unzähligen niederschmetternden Diagnosen und meiner schlimmsten Angst: Selbst über Leben und Tod unseres Ungeborenen entscheiden zu müssen? Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Recht hat der Chirurg vermutlich trotzdem. "Jetzt haben Sie noch einen gewissen Abstand, bald aber nicht mehr, wenn das Baby da ist."

 

Unser Baby werde, wie wir bereits wussten, auf jeden Fall mehrere Operationen brauchen und es wäre optimal, wenn es bei der Geburt wenigstens 2 Kilo hätte. Das mit dem Gewicht wird eine Zitterpartie, wissen wir.

"Dass Ihr Baby so klein ist, würde ich dem Herzfehler zuschreiben", meint er noch. Endlich ein Satz, der uns ein bisschen beruhigt, da wir bislang nicht wissen, wieso unser Baby zusätzlich wachstumsverzögert auch noch ist. Unser Kleiner habe auch noch eine partielle Balkenagenesie, sagen wir ihm. "Es wird Ihnen niemand auf der Welt sagen können, was das zu bedeuten hat", ist seine Reaktion.

 

Nach dem Termin laufen bei mir noch im Spital die Tränen. Ich wusste, dass dieses Gespräch hart wird, es dann ausgesprochen zu hören ist doch wieder etwas anderes. Immerhin ist der Termin erledigt und wir und unser "Fall" sind dem Chirurgen nun ein Begriff. Für unser Baby ist die beste Vorbereitung getroffen, die wir treffen konnten, mehr können wir nicht tun.

 

Am darauffolgenden Freitag habe ich erneut einen Marathon-Untersuchungstag im Spital mit drei Terminen: In der Früh mache ich erneut ein Fetal MRT. Obwohl ich versucht habe dieses zu umgehen, wurde mir von zwei unterschiedlichen Ärzten dazu geraten. Das Baby sei nun größer, man sehe deswegen auch mehr und nach der Geburt könne man nicht mehr so leicht ein MRT am Baby durchführen - das Baby müsste dazu in Narkose versetzt werden. Für mich ist das Argument genug, um das MRT während der Schwangerschaft noch einmal zu wiederholen. Das zweite Mal in der Röhre ist für mich lang nicht mehr so schlimm wie beim ersten Mal. Ich weiß ja diesmal schon was mich erwartet und wofür ich es mache.

 

Auf den nächsten Termin an diesem Tag sind wir besonders gespannt: unser Baby wird wieder einmal vermessen. Am Montag bei meiner Frauenärztin wurde unser Kleiner auf 1370g geschätzt. Dass im Spital kleiner gemessen wird, haben wir schon gemerkt, so rechneten wir auch mit einer geringeren Gewichtsschätzung als am Montag. "Gewicht ist zur Zeit ca. 1103g", meint die Ärztin zu uns - leider doch um einiges weniger als die Schätzung meiner Frauenärztin, aber wer weiß schon so genau welcher Wert stimmt. Von der Gewichtsschätzung lasse ich mich nicht mehr fertig machen, das tatsächliche Gewicht sehen wir sowieso erst nach der Geburt und ändern können wir es auch nicht.

 

Unser dritter und letzter Termin an diesem Tag ist auch unser letzter Termin bei der Herzspezialistin vor der Entbindung im April. Auch sie sagt uns, dass uns eine schwierige Zeit bevorsteht und dass wir viel Geduld brauchen werden. Sie zählt ein paar Sachen auf, die am Herzen unseres Babys doch ganz gut funktionieren. Da ich heute schon so oft untersucht wurde und mein Baby sich besonders heftig bewegt, schallt sie diesmal zu meiner Erleichterung nur kurz. "Wir sehen uns nach der Geburt", sagt sie zum Abschied. "Ich freue mich wenn Ihr Baby da ist!".

 

Ich bin froh, dass dieser Tag und vor allem diese Woche vorbei ist- wieder eine Etappe geschafft! Meine nächste Untersuchung ist "erst" in zwei Wochen, bis dahin kann ich wieder ein bisschen durchatmen. Übermorgen beginnt meine 35. Schwangerschaftswoche und ich kann kaum glauben, dass meine Schwangerschaft sich schon dem Ende zuneigt.

 


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Kommentare: 8
  • #1

    Michaela (Mittwoch, 15 März 2017 13:13)

    Liebe Jasmin,

    ich habe Deinen Blog mit ganz vielen Gefühlen gelesen und möchte Dir gerne zu Deiner doppelten Stärke und Deinem Mut gratulieren. Du bist so unglaublich mutig und gehst phantastisch mit der Aufgabe, die das Leben für Dich vorbereitet hat, um und hast noch dazu den Mut all das, das Du erlebst in einem gefühlvollen Blog niederzuschreiben.

    Für die kommenden Woche wünsche ich Dir ganz viel Energie und ein wunderbares Kennenlernen Deines kleinen Bubens trotz all der Hürden, die auf Euch zukommen.

    Herzlichst Michaela

  • #2

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Mittwoch, 15 März 2017 16:27)

    Liebe Michaela!!

    Vielen lieben Dank für dein Kommentar und deine lieben Worte!! Es freut mich sehr, dass du meinen Blog gelesen hast und dass du es super findest, wie ich mit der Situation umgehe!! Das darüber schreiben macht mir alles etwas leichter!! Dankeschön, wir werden versuchen in den nächsten Wochen alles so gut wie möglich zu meistern und freuen uns sehr, unseren Kleinen schon bald sehen zu dürfen!!

    Ganz liebe Grüße an dich,
    Jasmin

  • #3

    Arlett (Mittwoch, 15 März 2017 21:48)

    Liebe Jasmin,
    Ich wünsche euch Drei für die nächsten Wochen ganz viel Liebe, Glück und Kraft. Eure Geschichte zeigt mir wieder einmal, dass Kinder ein Wunder sind, welches man einfach nur lieben und beschützen muss. Ich werde weiter deinen mutigen Blog lesen. Danke, dass du deine Geschichte und deine Gefühle teilst und damit sicher auch anderen Mut machst und die Mamas wie mich einmal mehr dankbar sein lässt, ein gesundes Kind zu haben.
    Alles Gute und den bestmöglichen Start ins Leben
    Arlett

  • #4

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Mittwoch, 15 März 2017 23:06)

    Liebe Arlett!!

    Dankeschön für deinen Kommentar und deine lieben Wünsche!! Mit deinen Worten hast du absolut recht - ein gesundes Kind ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit!! Es freut mich, wenn du meinen Blog auch weiterhin verfolgst!!

    Ich sende dir ganz liebe Grüße,
    Jasmin

  • #5

    Stephanie (Freitag, 17 März 2017 11:36)

    Hallo Jasmin,

    vielen Dank, dass du deine Erfahrungen und Gedanken hier so offen teilst.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Mut - es wird belohnt werden!
    "Die Geburt ist das einzige Blind Date bei dem du sicher sein kannst, die Liebe deines Lebens zu treffen."
    Freu dich drauf - egal was ist, dein eigenes Kind zu treffen ist das Beste, was es gibt.
    Alles Gute für die Geburt, höre auf dein Bauchgefühl und genieße bei allen Herausforderungen die schönen Momente in allen Zügen!

    Alles Liebe,
    Stephanie

  • #6

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Freitag, 17 März 2017 20:03)

    Liebe Stephanie!!

    Herzlichen Dank für deine lieben Worte!! Sehr gerne teile ich meine Erfahrungen, ich freue mich, wenn ich Anderen damit helfen kann & das darüber schreiben hilft mir ja auch selbst ein bisschen! ;) Dass es ein einzigartiger Moment wird, wenn wir unseren Kleinen sehen da bin ich mir sicher!!!

    Alles Liebe auch an dich & liebe Grüße,
    Jasmin

  • #7

    Lutz (Sonntag, 09 April 2017 20:33)

    Liebe Jasmin,
    vielen Dank, dass du uns so offen von deiner Schwangerschaft berichtest, auch über die Höhen und Tiefen. Beim Lesen musste ich einige Male schlucken, um das Gesagte zu begreifen und zu verdauen. Es ist eine fast unfassbar, mit welchem Mut und welcher Kraft du (aber auch ihr beide) ihr diese Situation meistert.
    Es ist immer eine völlig neue Situation, wenn das eigene Leben durch ein Kind bereichert wird. Ich wünsche euch, dass ihr diese Bereicherung erfahrt, und dass ihr immer die Kraft und den Mut habt, aus all den Herausforderungen und Schwierigkeiten, Ängsten und Sorgen als Sieger hervorgeht.
    Das Vergangene ist nicht zu ändern, das Zukünftige kommt so oder so. Sich Sorgen um die Zukunft zu machen raubt für das Heute die Kraft.
    Ich wünsche euch, dass ihr das Heute genießen könnt.
    Alles Gute und rasche Genesung für euch. Für euren Jungen, dass er erfolgreich operiert wird, und dass er sich besser entwickelt als die Prognosen sagen. Genießt die Zeit miteinander.

    Liebe Grüße
    Lutz

  • #8

    Jasmin (280 Tage Bauchgefühl) (Montag, 10 April 2017 15:16)

    Lieber Lutz!

    Ich danke dir sehr herzlich für deine Nachricht, deine lieben Worte und deine Wünsche für uns und unseren Jungen! In deinen Worten steckt so viel Wahrheit! Du hast Recht, sich schon im Vorfeld über Zukünftiges Sorgen zu machen, kann kräfteraubend sein. Auch wenn es schwer fällt, versuchen wir stark zu bleiben und mit unserer Situation bestmöglich umzugehen! Man wächst dadurch noch mehr zusammen und wird stärker! Ich danke dir für deine Anteilnahme und schicke dir liebe Grüße!

    Jasmin