Ein zartes Band

Wieder fällt der Schnee, wie am 19. April, dem Tag deiner Geburt. Als wir Eltern wurden, vor mittlerweile fast neun Monaten. Wieder verdeckt er alles unter sich, unter seiner dicken, weißen Eisschicht. Er lässt alles erfrieren, begräbt alles unter sich. So wie so vieles in uns begraben wurde, am Tag, an dem du gingst.

 

Januar steht auf dem Kalender vor mir. Mit seinen zwölf Blättern thront er vor mir wie ein ungeschriebenes Buch, das nur darauf wartet gefüllt zu werden. Daneben steht dein erstes Foto. Wenn ich es ansehe, genauso wie die vielen anderen Bilder von dir, dann schmilzt das Eis auf meinem erfrorenen Herz.

 

Es ist Januar, und wir leben immer noch, wir atmen immer noch, immer noch füllt Sauerstoff unsere Lungen, auch wenn wir in den letzten Monaten so oft geglaubt haben am Verlust zu ersticken. Denn es ist da diese Verbindung zwischen uns, wie ein zartes Band, das dich und uns zusammenhält, das alles aufrecht erhält. Das dich immer noch hier sein lässt, in der Luft die wir atmen, in den Sonnenstrahlen, die unsere Haut berühren, auch wenn sie zu dieser Jahreszeit nur wenig Kraft haben. In jedem wärmenden Gedanken, in jedem einzelnen Lachen steckt nur die Liebe zu dir.

 

Wenn ich durchs Fenster blicke, gedankenverloren, da wo jetzt Eiskristalle ihre Bilder malen, dann frage ich mich wie es dir wohl geht.

 

Und auch wenn der Schnee bald schmilzt, der Frühling seine ersten Boten schickt, dann bleibt das Band erhalten, zwischen uns und dir.

 

 

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